Einen 4000er in der Schweiz erklimmen und via Miniwing zurück ins Tal fliegen - UP Teampilotin Franziska Vogel hat genau das bei traumhaftem Wetter in die Tat umgesetzt. Hier ihr Bericht.

"August 2026 – Wir sind mit dem Camper für zwei Wochen in der Schweiz unterwegs. Zwischen gewittrigen Tagen tut sich ein stabileres Wetterfenster auf. Unsere Freunde schlagen die Obergabelhorn Südwand vor – eine Klettertour im vierten Schwierigkeitsgrad auf einen 4000er vis-à-vis des Matterhorns. Beim ersten schnellen Blick auf die Karte kommt mir eine Idee, die schon bald Realität werden sollte. Im Abstieg könnte man doch auf der Wellenkuppe starten? Der Wettercheck sieht drei Tage im Voraus nach perfektem Startwind aus – das lässt hoffen! Selbst wenn wir nicht fliegen können, wollen wir diese großartige Tour mit unseren Freunden unternehmen.
Ein finaler Wettercheck am Morgen des Zustiegs: schaut top aus – also wandern ein KAILASH 16 und 19 in den Rucksack. Kletterausrüstung, Verpflegung für zwei Tage, Retter, Gurtzeug und Schirm passen problemlos in einen 35 Liter Rucksack. Durch die Bullenhitze steigen wir von Zermatt zum Arbenbiwak auf. Nach dem schweißtreibenden Aufstieg zu der urigen kleinen Selbstversorgerhütte trauen wir unseren Augen kaum – ein Gleitschirmrucksack! Ein schweizer Bergführer und sein Gast verfolgen einen ähnlichen Plan. Statt durch die Südwand wählen sie allerdings den etwas einfacheren Arbengrat als Weg zum Gipfel des Obergabelhorns und erreichen dadurch wahrscheinlich mindestens eine Stunde früher den potenziellen Startplatz.

Eine überraschend schlafreiche Nacht (ohne Schnarcher*innen!) endet um 3:30 Uhr unsanft durch das Stirnlampenlicht und den Gaskocher einer Seilschaft. Eigentlich wollten wir erst eine halbe Stunde später aufstehen aber gut... Um 4:30 Uhr schlappen wir im Halbschlaf los – und sind spätestens am steilen, hartgefrorenen Firnfeld vor dem Einstieg in die Wand wach. Mit höchster Konzentration queren wir diese Passage. Von nun an geht jeder Schritt in die Vertikale. In meist fester Kletterei kommen wir zügiger, als der Kletterführer erwarten lies, voran. So stehen wir bereits um 9:30 Uhr auf dem Gipfel und genießen den atemberaubenden Ausblick auf Dent d’Hérens, Matterhorn, Dent Blanche, Zinalrothorn und die Monte Rosa Gruppe. In den vergangenen Jahren haben wir hier einige Gipfel bestiegen und können dadurch leider traurige Vergleiche bzgl. der Gletscherstände ziehen.
Anton und ich grinsen uns an: es ist fast windstill – ein leises Lüftchen weht aus Nordwest. Die anderen beiden Piloten starten bereits auf der Wellenkuppe. Perfekt! Fehlt ja „nur“ noch der Abstieg über einen Felsgrat und der Gegenanstieg zur Wellenkuppe. Zügig und gleichzeitig mit voller Aufmerksamkeit seilen wir ab, kraxeln über Granitblöcke und steigen schließlich der Wellenkuppe mit Steigeisen an den Füßen über den harten Gletscherrücken aufs Haupt.

Wir müssen nicht lang überlegen – der Wind stimmt. Unseren beiden Freunden nehmen wir wenigstens noch ein wenig Ballast ab, bevor sie ihren Abstieg fortsetzen und wir uns startklar machen. Ehe wir letztlich die Kappen der kleinen Schirme mit Luft füllen, fehlt noch ein wichtiger Anruf. Um den starken Talwind und die anspruchsvollen Landewiesen in Zermatt zu vermeiden, möchten wir gerne in Täsch landen. Auf dem Flugweg dorthin müssen wir aber den Airspace vom Heliport von Air Zermatt durchfliegen. Ganz unkompliziert erhalten wir dafür telefonisch die Freigabe. Wenige Augenblicke später hören wir flatternde Rotorblätter – ein Aussichtshubschrauber zischt mit einer Steilkurve 150 Meter an uns vorbei. Dann ist der Luftraum jetzt wohl frei.
Wir lassen die ersten thermischen Ablösungen, die leichten Seitenwind erzeugen, passieren. Dann folgt ein beherzter Schritt. Selbst bei wenig Wind füllt sich die Kappe wie von selbst und steht perfekt über mir. Ein paar beschleunigende Schritte später schwebe ich davon. Der steile Gletscher verschwindet unter mir. Eine Rechtskurve über den Sattel, ein Freudenschrei und dann tut sich der Blick aufs majestätische Matterhorn auf. Die Steuerleinen behalte ich beim Durchfliegen von Thermik lieber in der Hand, aber die 16m² Tuch über mir tragen mich sanft durch die Luft. Purer Genuss! Ich will gerade meine Steigeisen ausziehen, da sehe ich, wie Anton von seinen 3m² mehr Gebrauch macht und tatsächlich in der starken Walliser Thermik aufdreht. Letztendlich werde ich etwa 30 Minuten am Landeplatz auf ihn warten, weil er aus der Abstiegshilfe mal eben einen Sightseeing-Flug gemacht hat.

Schließlich sichere die Steigeisen mit Karabinern an meinem Gurtzeug und bereite mich gedanklich auf die Landung vor. Der Talwind ist auch in Täsch nicht zu unterschätzen. Dank der höheren Geschwindigkeit des kleinen Schirms setze ich sanft in der Wiese auf. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht entledige ich mich meiner viel zu warmen Daunenjacke, packe zusammen und klatsche strahlend mit Anton ab.
Vier Stunden später nehmen wir die anderen beiden mit eisgekühlter italienischer Zitronenlimonade am Bahnhof in Empfang, fahren auf den zwischenzeitlich gebuchten Campingplatz und lassen uns das wohlverdiente Käsefondue schmecken. Was für ein gigantischer Tag!"

Hinweise für Starts im Schweizer Hochgebirge:
- Ein Flug ist optional. Der Abstieg zu Fuß muss mental, physisch und zeitlich eingeplant sein.
- In der Schweiz herrscht reger Flugverkehr durch Militär und Hubschrauber – checke die Lufträume gründlich!
- Die Berge und Windsysteme sind hochskaliert. Talwind und Thermik können sehr stark werden.
- In größerer Höhe ist der Luftdruck geringer. Das erfordert eine höhere Geschwindigkeit zum Abheben und macht das Schirmverhalten dynamischer.
- Übe vorab, wie du deine Steigeisen im Flug ausziehen und sichern kannst.
- Gleitschirmflieger in der Schweiz (auch Gäste) brauchen eine SHV-Nummer.
Fotos: Franziska Vogel, Kai Löwenfeld, Franziska Löwenfeld