Die UP Teampiloten Benno Schmidt und Max Lorenz trafen sich 2026 wieder zu ihrem traditionellen Biwakfliegen. Hier mehr Infos, ergänzend zu Instagram.
Benno berichtet: "Jedes Jahr verschwinden Max und ich für ein paar Tage mit nichts weiter als unseren Gleitschirmen auf dem Rücken. Der Plan ist immer derselbe: laufen, fliegen, spontan bleiben. Dieses Jahr stellte sich heraus, dass genau das die eigentliche Geschichte werden sollte.
Vor gut einem Jahr bin ich von Berlin nach Lecco an den Comer See gezogen – und ich liebe es hier. Das Fluggebiet ist unglaublich vielseitig, die Hike-&-Fly-Community offen und herzlich und die Landschaft jedes Mal aufs Neue beeindruckend. Eigentlich vergeht kein Flug, ohne dass ich denke: Genau deshalb bin ich hierhergezogen. Also lag es nahe, Max dieses Jahr nicht irgendein neues Gebiet zu zeigen, sondern mein neues Zuhause.
Unsere Rucksäcke brachten jeweils rund 19 Kilogramm auf die Waage. Darin: unsere UP TRANGO X, Gurtzeuge, Zelte, Schlafsäcke, Isomatten, Kleidung, Wasser und Funkgeräte. (Wer neugierig ist, was genau ich dabeihatte, findet hier meine komplette Packliste.) Die Funkgeräte verdienen eine besondere Erwähnung. Klar, sie kosten ein paar hundert Gramm. Aber ich würde sie auf keiner Tour mehr missen wollen. Gemeinsam einen Bart auskurbeln, über die nächste Linie diskutieren oder einfach mitten im Flug sagen: „Schau mal rüber!“ – das macht das Fliegen noch einmal so viel schöner. Gerade auf einer Tour wie dieser gehören sie für uns einfach dazu.
Ansonsten war der Plan denkbar einfach: keine Reservierungen, keine feste Route, kein Zeitdruck. Einfach losziehen und so lange zu Fuß und mit dem Schirm unterwegs sein, wie Wetter und Laune mitspielen. Dachten wir zumindest.

Tag 1: Heimspiel
Vor dem Start sah der Wetterbericht eigentlich vielversprechend aus. Über Europa lag zwar eine gewaltige Hitzewelle und Gewitter waren an jedem Nachmittag möglich, aber ehrlich gesagt machten wir uns mehr Gedanken über die Temperaturen beim Laufen als übers Fliegen. Zum Einstieg wollten wir den klassischen „Catino“ fliegen – wie die Locals die etwa 80 Kilometer lange Runde nennen: vom Cornizzolo nach Como, weiter Richtung Grigna, hinüber zum Monte Linzone und zurück.
Genau so hatte ich mir den Auftakt vorgestellt. Ruhige Bedingungen, traumhafte Ausblicke und jede Menge Zeit, Max mein neues Hausgebiet zu zeigen. Auf dem Rückweg von Como fiel mir allerdings auf, dass sich über der Grigna ungewöhnlich früh mächtige Quellwolken entwickelten. Unter einer der Wolken war sogar schon Graupel zu erkennen. Ab diesem Moment änderte sich unser Plan.
Anstatt tiefer ins Gebirge einzusteigen, blieben wir konsequent auf dem südlichen Rücken. Von dort hätten wir jederzeit problemlos auf die Ebene hinausgleiten können, falls sich das Wetter schneller entwickeln würde als erwartet. Die Bedingungen waren weiterhin herrlich. Aber plötzlich war es wichtiger geworden, Optionen zu haben, als Kilometer zu sammeln. Als wir den Monte Linzone erreichten, meldete sich mein Magen ziemlich deutlich zu Wort.
Wir landeten oben ein, warfen einen Blick aufs Regenradar und öffneten Google Maps. Das kleine Dorf Valcava lag direkt unter uns. Zu Fuß wären es vielleicht zwanzig Minuten gewesen. Mit dem Gleitschirm? Fünf. Entscheidung gefallen. Eigentlich beschreibt genau dieser Moment unsere Vorstellung von Biwakfliegen ziemlich gut.
Wir glauben nicht, dass Abenteuer automatisch bedeuten, möglichst viel leiden zu müssen. Deshalb schleppen wir auch keinen Kocher mit und verzichten – bis auf ein paar Müsliriegel als Notreserve – komplett auf Verpflegung. Lieber sparen wir Gewicht, bleiben flexibel und essen dort, wo uns die Tour gerade hinführt. Ein gutes Abendessen in einer kleinen Dorfwirtschaft gehört für uns genauso zum Abenteuer wie ein langer Thermikflug.
Nach einer kurzen Pinkelpause, einem Besuch bei den Kälbern auf dem Linzone und ein paar weiteren Toplandungen – der Berg ist einfach zu gut dafür – starteten wir erneut und glitten hinunter nach Valcava. Eine Familie, die sich gerade auf unserer auserkorenen Landewiese sonnte staunte nicht schlecht gestaunt haben, als plötzlich zwei voll bepackte Gleitschirmpiloten neben ihnen landeten.
Es folgten gutes Essen, zwei Bier und ein wunderschöner Zeltplatz nur wenige Gehminuten entfernt. Von Biwakfliegen zu sprechen wäre fast übertrieben gewesen. „Bierwak“ trifft es wohl deutlich besser. Im Nachhinein war es wahrscheinlich die beste Entscheidung des Tages. Während wir entspannt beim Abendessen saßen, entluden sich die Gewitter genau dort im Gebirge, wo wir ursprünglich die Nacht verbringen wollten.

Tag 2: Plan C gewinnt
Am nächsten Morgen hatte sich die Wetterlage deutlich verändert. Angesagt waren Westwind und eine niedrigere Basis. Also packten wir gemütlich zusammen und liefen die knapp zwanzig Minuten zurück zum Linzone. Nur 100 Höhenmeter – so darf ein Morgen beim Biwakfliegen gerne beginnen. Schon kurz nach dem Start war klar: Die Realität sah deutlich ruppiger aus als die Prognose. Der Wind kam mit einer nördlichen Komponente über den Grat, die Luft war zerrissen und stellenweise unangenehm turbulent. Über Funk hielten wir uns ständig auf dem Laufenden und schmiedeten drei Pläne.
Plan A: Auskurbeln, mit Rückenwind Richtung Bergamo und Iseosee fliegen und uns in den nächsten Tagen langsam bis Bassano vorarbeiten. Wahrscheinlich würden dabei mehr Höhenmeter zu Fuß als Flugkilometer zusammenkommen – aber auch das wäre in Ordnung gewesen.
Plan B: Noch einen schönen Flug genießen, zurück Richtung Lecco gleiten, irgendwo toplanden und den nächsten Versuch am folgenden Tag starten.
Plan C: Wenn es zu sportlich wird, sicher landen, in den Comer See springen und den Tag eben anders genießen.
Lange überlegen mussten wir nicht. Aus einem entspannten Streckenflug wurde plötzlich eine ungeplante SIV-Einlage. Nach ein paar lebhaften Momenten, in denen ich meinen Schirm lieber über mir als neben mir haben wollte, schauten Max und ich uns an. Ein paar Worte über Funk. Mehr brauchte es nicht. Plan C. Keine Enttäuschung. Eher Erleichterung.
Wenig später saßen wir mit einem Gelato am Comer See, beobachteten die Badenden und ließen die Beine ins Wasser baumeln während der Föhn den See aufwirbelte und die Boote fast wegpustete. Es war einer dieser Momente, in denen einem klar wird: Das eigentliche Abenteuer beginnt oft genau dann, wenn man den ursprünglichen Plan loslässt.

Tag 3: Kurswechsel
Ein Blick auf die Vorhersagen bestätigte, was wir ohnehin schon ahnten. Für das Triangolo Lariano waren kräftiger Föhn und tägliche Gewitter angesagt. Dort auf besseres Wetter zu warten, ergab einfach keinen Sinn. Wir schauten uns ganz Europa an. Eigentlich blieben nur zwei Optionen übrig: Andalusien oder Bassano. Für vier Tage nach Spanien fliegen? Eher nicht. Also wanderten die Rucksäcke ins Auto und wir machten uns auf den Weg nach Osten.
Schon unterwegs wussten wir, dass die Entscheidung richtig gewesen war. Die Föhnlinsen verschwanden langsam vom Himmel, stattdessen standen freundliche Quellwolken über den Bergrücken. Wenige Stunden später saßen wir mit einem Espresso in Bassano, blickten auf eine völlig andere Bergkulisse – und schulterten kurz darauf wieder unsere 19 Kilo. Perfekt war das Wetter dort ebenfalls nicht. Aber es schenkte uns ein Flugfenster.
Während wir am Monte Grappa Höhe machten, begann hinter dem Massiv bereits die nächste Gewitterzelle zu wachsen. Beeindruckend anzusehen – solange genügend Abstand dazwischenliegt. Anstatt weiter ins Gebirge vorzustoßen, glitten wir hinaus über die Ebene. Dort warteten butterweiche Thermik und weitere anderthalb Stunden entspanntes Fliegen. Immer wieder schauten wir zurück und beobachteten, wie der Amboss hinter uns größer und größer wurde, bis wir beschlossen, Schluss zu machen.
Zehn Minuten nach der Landung rollte der Donner durchs Tal. Wieder die richtige Entscheidung. Am Nachmittag ging es zu Fuß weiter hinauf nach Campetti. Schweiß statt Thermik. Oben warteten ein großartiges Abendessen auf der Malga Col Serai und ein Zeltplatz mit Aussicht. Nach Sonnenuntergang begann die eigentliche Show. Rings um uns blitzte es in allen Himmelsrichtungen. Ein Gewitterfeuerwerk, wie man es nur selten erlebt. Gegen halb drei nachts kam das Schauspiel schließlich bei uns an. Wir flüchteten unter das Dach der Hütte und sahen dem Gewitter zu, bis es weitergezogen war. Ausgerechnet diese Stunde wurde später zu einer meiner schönsten Erinnerungen an die ganze Tour.

Tag 4: Der beste Flug
Laut Vorhersage würde es erst gegen Mittag richtig fliegbar werden. Anstatt herumzusitzen, wollten wir uns den letzten Flug also mit einer weiteren Wanderung verdienen. Nachdem die restlichen Müsliriegel und die letzten Stücke eines Käsebrots verputzt waren, stiegen wir die 1.000 Höhenmeter zum Monte Grappa hinauf. Als wir starteten, waren die Bedingungen bei rund 20 km/h Ostwind noch ziemlich sportlich. Auf der Suche nach Kilometern den Piave zu queren, hätte wahrscheinlich mit einem frühen Absaufer geendet. Also taten wir, was die ganze Woche funktioniert hatte: Wir passten uns an.
Wir ignorierten die imaginäre Regel, dass es beim Biwakfliegen immer darum gehen müsse, Strecke zu machen, und flogen hinaus über die Ebene, um das Flugfenster einfach zu genießen. Max und ich stiegen bis an die Basis, rund 2.300 Meter Luft unter uns. In den nächsten dreieinhalb Stunden tanzten unsere beiden TRANGO X einfach durch den Himmel. Kein Ziel. Keine Rekorde. Kein Druck. Einfach fliegen.
Ab und zu knackte es im Funk – nicht weil wir ihn gebraucht hätten, sondern weil solche Momente einfach zu schön sind, um sie nicht zu teilen. Als wir schließlich landeten, konnten wir nicht aufhören zu grinsen. Nach Bassano zu fahren, unsere ursprünglichen Pläne loszulassen und das Beste aus den Bedingungen zu machen, hatte uns einen der schönsten Flüge beschert, an den wir beide uns erinnern konnten.
Da der Föhn weiter zulegte und sich Gewitter über große Teile der Alpen ausbreiteten, fühlte es sich zugleich wie der perfekte Moment an, die Tour zu beenden. Viele glauben, bei Biwakfliegen gehe es darum, sich um jeden Preis durchzubeißen. Den schwersten Rucksack zu tragen. Am unbequemsten zu schlafen. Unbeirrt an der ursprünglichen Route festzuhalten. Wir nicht.
Für uns ging es nie darum, einem Plan zu folgen. Es geht darum, gute Entscheidungen zu treffen. Das Wetter zu lesen. Flexibel zu bleiben. Das Erlebnis mit einem guten Freund zu teilen. Diese Tour folgte nie der Route, die wir uns vorgestellt hatten. Wir wählten ein Restaurant statt einer Berghütte. Gelato statt eines Kampfes in gefährlicher Luft. Bassano statt Sturheit. Einen entspannten Nachmittag über der Ebene statt eines erzwungenen Übergangs durchs Gebirge. Rückblickend fühlt sich keine dieser Entscheidungen wie ein Kompromiss an. Sie wurden zu den Höhepunkten der Tour.
Als wir zurück nach Lecco fuhren, blies der Föhn mit über 60 km/h. Genau deshalb hatten wir beschlossen, die Tour zu beenden. Doch derselbe Wind hatte den Dunst aus dem Himmel gefegt. Die Berge zeichneten sich kristallklar am Horizont ab und glühten im Abendlicht tief orange. Es fühlte sich wie das perfekte Ende an. Manchmal schaffen genau die Bedingungen, die unsere Pläne ändern, die schönsten Momente.
Danke an UP für die Unterstützung bei diesen Abenteuern – und danke an Max für ein paar weitere unvergessliche Tage."