UP Teampiloten Sandra Huber und Peter Bossert haben Marokko mit dem Gleitschirm erkundet. Hier ein Erfahrungsbericht von Sandra.
"Das Rauschen der Wellen und die Vorfreude auf den Tag wecken mich auf. Heute soll der Wind perfekt werden, um an den Klippen zu soaren. Es ist noch früh – ich gehe auf die Dachterrasse, von wo aus ich auf das Meer blicken kann. Der Wind weht noch leicht ablandig, die Sonne blinzelt über den Hügel und taucht die Landschaft in goldenes Licht. Ich genieße die Ruhe und das wohlige Kribbeln im Bauch, das mit einem vielversprechenden Fliegertag einhergeht.
Nun wacht auch der Rest unserer Truppe auf, und es ist Zeit fürs Frühstück. Da der Wind erst gegen Mittag starten soll, nehmen wir es am Morgen noch gemütlich. Wir fahren zu unserem Lieblingscafé in Mirleft, dem Tifawin Café. Hier gibt es die besten Berberomeletts und M'smen, die traditionellen marokkanischen Pancakes. Frischer Fruchtsaft, Kaffee und Tee Marocain dürfen natürlich nicht fehlen.
Im kleinen Laden an der Ecke statten wir uns mit Wasser, Mandeln, Datteln und weiteren Köstlichkeiten aus und machen uns auf den Weg. Unser erstes Ziel: der Aglou Beach, etwa 45 Minuten entfernt. Allein die Fahrt dorthin ist ein Abenteuer – auf Sandstraßen manövrieren wir unsere beiden Mietwagen Richtung Klippen und finden den Startplatz relativ leicht. Es ist nun fast Mittag, und man spürt bereits den ersten leichten Wind im Gesicht. Aber noch braucht es etwas Geduld. Wir setzen uns ins kleine Restaurant an der Klippe – und ich meine wirklich an der Klippe. Ein schmaler Weg führt einige Meter den Fels hinunter, wo in den Stein ein paar Räume eingebaut wurden. Darin versteckt sich eine kleine Küche, in der uns der freundliche Besitzer einen Tee Marocain und Kaffee zaubert. Hier lässt es sich gut warten.
Doch lange dauert es nicht, und der versprochene Wind kommt an. Wir packen unsere Schirme aus und spielen im erst noch leichteren Wind am Boden. Es hat so viel Platz hier – der perfekte Ort zum Groundhandling. Mittlerweile sind viele andere Piloten angekommen und spielen ebenfalls mit ihren Schirmen am Boden. Dank des weitläufigen Geländes ist das kein Problem. Wir lassen uns von unseren Schirmen quer über die Wüste ziehen und kiten hin und her, bis unsere Beine müde werden. Pünktlich dazu wird auch der Wind stärker – Zeit, die Beine baumeln zu lassen.
Pete ist einer der ersten Piloten, der es wagt, über die Klippen zu starten. Sein SUMMIT X – UP's 2,5-Leiner aus dem oberen EN-B-Segment – managt den mittlerweile kräftigeren Wind souverän. Der Wind weht nun mit etwa 30 km/h WNW und bleibt schön konstant, die Windrichtung stimmt. Auch ich mache mich bereit und hänge meinen MANA18 an – den Vorgänger des heutigen KAILASH. Der für mein Gewicht immer noch sehr große, aber an sich kleine und leichte Schirm überzeugt mit einem gelungenen Kompromiss zwischen Wendigkeit und passiver Sicherheit – genau das, was mir beim Soaren wichtig ist. Es macht riesigen Spaß, damit die Küste rauf und runter zu fliegen. Hinter uns die Weite der Sand- und Steinwüste, unter uns die Wellen, die auf den Strand brechen. Der Anblick ist majestätisch und darüber hinweg zu fliegen gibt einem ein wahnsinniges Freiheitsgefühl. Die Klippe ist so weitläufig, dass sich alle Piloten gut verteilen – die vielen bunten Schirme in der Luft wirken auf mich wie eine Schar Drachen aus einem Fantasy-Film. Und ich mittendrin – einfach unglaublich.
Die Flut drückt das Wasser mittlerweile so weit vor, dass kaum mehr Strand vorhanden ist. In den riesigen Wellen wäre es verheerend abzusinken. Das Risiko ist uns zu groß – wir packen zusammen und fahren die gut 30 Minuten südlich zum Nid d'Aigles.
Das Adlernest (das bedeutet Nid d’aigles übersetzt) ist ein bekannter Soaring-Spot. Gut einen halben Kilometer landeinwärts von der Küste erhebt sich eine steile Hügelkette, die bei nordwestlichem Wind perfekte Soaring-Bedingungen schafft. Schon von Weitem sehen wir den Himmel voller farbiger Schirme hoch oben in der Luft. Der letzte Anstieg verläuft auf einer schlaglochübersäten Straße – abenteuerlich, aber machbar. Oben angekommen erwartet uns ein herziges Restaurant mit betoniertem Startplatz. Auch Hotelzimmer sind vorhanden und viele Piloten übernachten direkt hier.
Wir verlieren keine Zeit und machen uns sofort startbereit. Der Wind ist mittlerweile kräftig, und der Take-off erfordert einiges an Konzentration. Die Stimmung am Startplatz ist hervorragend – alle sind hilfsbereit. Als ich meinen Schirm hochziehe und der Wind mich direkt abhebt, eilen sofort zwei Piloten zur Hilfe. Ein schönes Miteinander, keine Konkurrenz – man fühlt sich wohl und willkommen. Mit dem Schirm unter Kontrolle hebe ich ab. Nervosität und Adrenalin weichen Entspannung und purer Freude. Ich gleite der Hügelkette entlang, sofort geht es hoch und ich bin schnell viele Meter über dem Grund. Zum dynamischen Aufwind gesellt sich Thermik – man kann hoch oben und weiter weg von der Klippe noch weiter steigen. Der Ausblick auf das Meer und die bunte Felslandschaft ist beeindruckend. Dieses Jahr hat es außergewöhnlich viel geregnet in Marokko, und so blüht die Wüste regelrecht auf, mit vielen grünen Büschen und farbigen Blumen. So hoch über der Küste zu fliegen ist wirklich etwas Besonderes – gut, dass wir unsere Frontcontainer dabei haben. Ohne Rettungsschirm wäre das definitiv zu hoch.
Der Wind wird immer stärker, und ich entscheide mich zu landen. Direkt am Startplatz beim Nid d'Aigles kann ich wieder aufsetzen – nicht ganz einfach, man muss über die Gebäude anfliegen und der Platz ist begrenzt, aber mit ein paar Tipps der erfahrenen Piloten vor Ort gut möglich. Meine Freunde sind auch gelandet, und es ist Zeit für eine der grandiosen Pizzen aus dem Steinofen des Restaurants.
Mittlerweile sind fast keine Piloten mehr in der Luft, da der Wind bereits 40km/h überschritten hat. Nun ist es der perfekte Spielplatz für Parakites – und auch Pete hat Spaß in diesen Bedingungen, und zwar mit meinem MANA 18. Für ihn ist das Modell wie ein Miniwing: Im starken Wind ermöglicht ihm die hohe Flächenbelastung Manöver wie Wingovers, Loops und Spiralen. Wie praktisch, dass wir mit einem einzigen Schirm so unterschiedliche Bedingungen abdecken können. Nach jedem Manöver schießt ihn der starke Aufwind direkt wieder in die Höhe. Ein schier endloses Spiel.
Doch langsam geht die Sonne unter und der Wind lässt nach. Die Stimmung beim Sonnenuntergang auf dem Nid d'Aigles ist einzigartig: Das Licht wird golden, der Himmel verfärbt sich rosa, und die Weite des Meeres scheint noch endloser. Bei einem Drink auf der Terrasse versinken wir in der Schönheit dieser Landschaft.
Für den perfekten Abschluss fahren wir zurück nach Mirleft und kehren in unser Lieblingsrestaurant ein, das Karma Love. Die überaus freundlichen Besitzer zaubern uns ein fantastisches Abendessen mit Tajine, Couscous und weiteren marokkanischen Köstlichkeiten. Die Gastfreundschaft der Menschen hier ist wirklich unübertroffen.
Todmüde von all den Eindrücken und der körperlichen Anstrengung, aber überglücklich, fallen wir in unsere Betten. Lange müssen wir nicht vom Soaring träumen – für den nächsten Tag ist bereits wieder guter Wind angesagt. Wir freuen uns auf einen weiteren aufregenden Tag im Soaring-Paradies Marokko."